Wine Evolution Profile™
Ragazi Barrique 23 2023
Ragazi · Bündner Herrschaft
Jetzt trinkbereit
Der gelassene Barrique-Veteran
Dieser Pinot Noir hat seine Kanten längst abgelegt: hoher pH-Wert, abgeschlossener biologischer Säureabbau und ein reifer Farbton zeichnen einen Wein, der Ruhe vor Spannung stellt. Sein moderates, aber tragfähiges Gerbstoffgerüst und das warme Glycerin-Alkohol-Verhältnis geben ihm Substanz ohne Wucht. Er wirkt wie ein erfahrener Erzähler, der leiser spricht – wobei die erhöhte Flüchtige Säure und der knappe Schutz durch freies SO₂ ihn eher zum Geniessen als zum Warten empfehlen.
Stilcharakterisierung
Reifer, weicher Barrique-Pinot
Der Ragazi Barrique 23 zeigt sich analytisch als warm gebauter, bereits deutlich gereifter Pinot Noir. Der pH-Wert von 3,79 liegt hoch, während die Gesamtsäure pH 7 als Weinsäure mit 5,18 g/L und die Weinsäure mit nur 0,74 g/L unterhalb des Erwartungsbereichs liegen; die Äpfelsäure ist mit 0,08 g/L praktisch vollständig abgebaut, die Milchsäure erreicht 1,8 g/L – ein Bild vollständigen biologischen Säureabbaus und entsprechend weicher, tiefer Frische. Körper und Kraft stützen sich auf Alkohol 13,43 % vol und Glycerin 10,18 g/L, die Struktur auf Tannin nach MCP 1245,97 mg/L, Tannin nach BSA 423,52 mg/L und Gesamtpolyphenole 43,66 – für Pinot Noir solide, ohne massiv zu wirken. Die Farbe bleibt mit einer Farbintensität von 0,80 AU sortentypisch zurückhaltend, der Farbton von 1,10 weist auf fortgeschrittene Reife mit Dominanz der gelbbraunen Anteile hin, was zu 24 Monaten Barrique und einem Flaschenalter von einem Jahr passt. Als Reibungspunkte im ansonsten runden Bild stehen die Flüchtige Säure mit 0,83 g/L im oberen Bereich sowie das Freie SO₂ mit nur 12,2 mg/L, das bei diesem pH-Wert wenig Schutzspielraum lässt. Der Restzucker bleibt mit Reduzierende Zucker 1,68 g/L trocken.
Cluster-Bewertung
Stilidentität & Struktur
72/100
›
Mit Alkohol 13,43 % vol, Gesamtpolyphenolen 43,66 und Tannin nach MCP 1245,97 mg/L zeigt der Wein ein für Pinot Noir aus Barriqueausbau stimmiges, mittleres bis gut tragendes Struktur- und Körpergerüst, während Tannin nach BSA 423,52 mg/L auf einen moderaten Anteil proteinreaktiver, adstringierender Gerbstoffe hinweist – ein Verhältnis, das eher auf feinkörnige, bereits polymerisierte Tannine als auf harte Jugendgerbstoffe deutet. Die Farbe ist mit Extinktion 420 nm 0,38, Extinktion 520 nm 0,34 und Extinktion 620 nm 0,08 sortentypisch zurückhaltend; da der gelbbraune Anteil den roten bereits leicht übersteigt, liegt der Farbton bei 1,1 und signalisiert zusammen mit der Farbintensität von 0,8 AU ein sichtbar evolviertes, granatfarbenes Erscheinungsbild nach 24 Monaten Barrique und drei Jahren seit dem Jahrgang. Der Farbstabilitätsindex von 0,22 bleibt unauffällig und gibt keinen Hinweis auf eine anomale Blauverschiebung.
Frische & Säurebalance
62/100
›
Der pH-Wert 3,79 liegt am oberen Rand des für Pinot Noir Wünschbaren, während die Gesamtsäure pH 7 als Schwefelsäure mit 3,39 g/L (entsprechend 5,18 g/L in der Weinsäure-Darstellung) unterhalb des Erwartungsbereichs liegt — die Frischeachse ist damit weich und trägt den Wein weniger, als es Struktur und Alkohol nahelegen. Die Äpfelsäure 0,08 g/L bei Milchsäure 1,8 g/L belegt einen vollständig abgeschlossenen biologischen Säureabbau, was mikrobiologisch stabilisierend wirkt, aber genau jenen Säureanteil entfernt hat, der die Spannung liefern würde; die niedrige Weinsäure 0,74 g/L deutet zudem auf weitgehend erschöpfte Weinsäure-Reserven hin und begrenzt die pH-Pufferung. Zitronensäure 0,1 g/L und Fumarsäure 0,01 g/L liegen nahe der Bestimmungsgrenze und sind unauffällig — es besteht kein Hinweis auf spätere Zusätze.
Reifepotenzial & Entwicklung
45/100
›
Mit Freies SO₂ 12,2 mg/L liegt der aktive Schutz bei einem pH-Wert von 3,79 rechnerisch nur bei etwa 0,13 mg/L molekularem SO₂ und damit deutlich unter dem für einen Rotwein mit 3 Jahren seit Jahrgang üblichen Sicherheitsniveau; Gesamt-SO₂ 59,75 mg/L zeigt, dass ein grosser Anteil bereits gebunden und somit nicht mehr wirksam ist. Flüchtige Säure 0,83 g/L ist für einen Pinot Noir aus Barrique-Ausbau (24 Mt.) klar erhöht und deutet auf eine oxidative bzw. mikrobiell aktive Vorgeschichte hin, die das weitere Entwicklungsfenster begrenzt. Ascorbinsäure 0,07 g/L ist bei diesem geringen freien SO₂ ungünstig, da Ascorbinsäure ihre Schutzwirkung nur in Kombination mit ausreichend freiem SO₂ entfaltet und andernfalls oxidative Zwischenprodukte begünstigt — die Reifeprognose ist deshalb kurz- bis mittelfristig zu fassen und bleibt Plausibilität, keine Vorhersage.
Vinifikations- und Ausbausignatur
88/100
›
Die Zuckerparameter belegen eine vollständig durchgeführte Gärung: Glukose 0,73 g/L und Fruktose 0,82 g/L liegen im Bereich technisch trockener Weine, und der separat kalibrierte Wert Glukose + Fruktose mit 0,19 g/L bestätigt diese Lesart auf noch tieferem Niveau — beide Messungen sind unabhängige Modelle und dürfen nicht gegeneinander verrechnet werden. Saccharose 0,53 g/L bewegt sich nahe der Bestimmungsgrenze und gibt keinen Hinweis auf eine nachträgliche Süssung oder Anreicherung im Endprodukt; die Vinifikation folgt damit dem klassischen, trocken ausgebauten Barrique-Schema, das zum deklarierten 24-monatigen Fassausbau passt. In der Summe ist dies ein ruhiges, sauberes Bild: Der Restzuckergehalt ist so niedrig, dass er weder sensorisch als Süsse wirkt noch mikrobiologisch als Substrat von Bedeutung ist.
Weinmatrix & Balance
78/100
›
Mit 10,18 g/L liegt das Glycerin im typischen Bereich eines barriquegereiften Pinot Noir und trägt zusammen mit dem Alkohol von 13,43 % vol spürbar zu Textur und Mundgefühl bei, ohne den eher zarten Körper dieser Sorte zu überzeichnen. Die Reduzierenden Zucker von 1,68 g/L belegen eine vollständig durchgegorene, trockene Matrix, und die Dichte von 0,992 g/mL bestätigt diesen Vergärungsstand als in sich stimmig. Auffällig ist einzig das Kohlendioxid mit 601,35 mg/L: für einen im Barrique gereiften, seit 2025 gefüllten Rotwein ist dieser Wert vergleichsweise hoch und kann am Gaumen als leichte Frische- bzw. Kantenbetonung wahrnehmbar werden, was bei der ohnehin tiefen Gesamtsäure nicht per se nachteilig sein muss.
Qualitäts- und Stabilitätsindikatoren
68/100
›
Ochratoxin A liegt mit 0,61 ppb deutlich unterhalb des gesetzlichen Höchstwerts von 2 ppb und belegt eine einwandfreie Traubenhygiene aus toxikologischer Sicht. Die Gluconsäure von 0,37 g/L zeigt jedoch einen messbaren, wenn auch moderaten Oxidations- beziehungsweise Fäulnisdruck im Lesegut an, der zusammen mit der erhöhten Flüchtigen Säure von 0,83 g/L auf eine mikrobiell nicht völlig ruhige Vorgeschichte hinweist. Die nachgewiesene Sorbinsäure von 30,57 mg/L ist rechtlich unbedenklich, bildet aber in einem biologisch entsäuerten Rotwein mit 1,8 g/L Milchsäure und nur 12,2 mg/L freiem SO₂ eine latente Angriffsfläche für Milchsäurebakterien und den daraus entstehenden Geranienton.
Erwartete Entwicklung
Plausibel ist eine kurze Phase weiterer Harmonisierung von Tannin und Körper, bevor das schwache Säure- und Schutzgerüst die Frische begrenzt; eine mehrjährige positive Entwicklung erscheint nach diesem Analysenbild unwahrscheinlich. Bei kühler, konstanter Lagerung im privaten Keller ist ein Genussfenster von etwa zwei Jahren die realistischere Annahme als eine längere Reifeperspektive.